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Rolf Gutsche
Israel – zwischen Antike und Supermoderne Mehrheit und Minderheiten
Miteinander unterwegs in Israel vom 16.-26. März 2010
Rudi Pahnke ist seit zwanzig Jahren u.a. für den deutsch-israelischen Jugendaustausch, den Austausch von Lehrern und Schülern tätig und hat auch längere Zeit in Israel gelebt. Er wollte, dass wir auch dieses Land kennen lernen. Dank der Kooperation zwischen dem Verein „Roller und Latscher“, Institut Neue Impulse und der Bildungsstätte Dialog in Nachscholim/Israel
Am 16.März .2010 um 7 Uhr treffen sich 23 Leute am Flughafen Berlin – Schönefeld, die auf das Land Israel neugierig sind. Davon sind zehn RollstuhlfahrerInnen. Wir müssen drei Stunden vorher da sein. Zuerst werden wir von den Israelischen Sicherheitsleuten gefragt, ob unser Gebäck in der letzten Nacht bei uns war. Hat jemand anderes was in den Koffer gesteckt? War das Gepäck von der Haustür bis zum Airport immer bei uns? Kennen wir Leute in Israel? Dann geht es zur Pass und Gepäckkontrolle. Die Koffer werden durchleuchtet. Das Handgepäck wird extra kontrolliert. Wir und unsere Handrollstühle werden abgetastet. Über einen Gang gelangen wir in das Flugzeug. Rollifahrer werden mit einem Spezialrollstuhl zu ihren Sitzplatz vom Personal von El Al und von Helfern der Hilfsorganisation gebracht. In Tel Aviv werden wir von Oliver Vrankovic von der Bildungsstätte Dialog abgeholt. Wir fahren zum Gästehaus des Kibbuz nach Nachscholin am Mittelmeer. Die nächsten drei Nächte wohnen wir in Häusern, eine Art von Bungalows.
Uns sind Begegnungen und Gespräche wichtig. Wir sind zu Gast bei den Kinderbuchautor und Sozialarbeiter Fadel Ali im drusischen Dorf Daliat el Karmel. Er erzählt über die Geschichte, Kultur und Religion der Drusen. Die Drusen gehören in Israel zu den Minderheiten. Die Gemeinschaft glaubt an die Seelenwanderung, an die Wiedergeburt. Wir treffen uns mit Frau Sabha Abu-Ganem in der Beduinenstadt Rahat im Negev. Wir sind zu Gast in ihrem Haus, dem dazugehörigen Beduinenzelt. Hier treffen sich die Frauen von Rahat. Sie sprach über die Konflikte der Frauen. die Gewalterfahrungen, der zu frühen Heirat und Konflikten mit der Polygamie. Sie erzählt über die Entwicklungsmöglichkeiten der beduinischen Frauen. Sehr nachdenklich macht uns die Abtreibung eines Embryos, wenn sich eine mögliche Behinderung abzeichnet. Dies sei bei ihnen selbstverständlich. Wir sind froh wieder etwas über eine Minderheit in diesem Land erfahren zu haben.
Beim Treffen mit der Behindertenorganisation „Achwa“ stellten wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede fest. Hier wurde eine Druckerei aufgebaut. In der Begegnungsstätte werden Computerkurse angeboten. Ein betreutes Wohnen liegt auch in ihren Händen. Die Israelische Gruppe wünscht sich einen Gegenbesuch in Berlin. Jedoch wissen wir, dass das Organisatorische eine große Herausforderung für uns sein würde. Vielleicht bleibt das kein Traum.
Die Holocaust- Gedenkstätte Jad la Jeled wurde für Kinder eingerichtet. Sie wurde leicht Verständlich ohne Bilder des Grauens aufgebaut. Einige von uns kritisierten, dass der alleinige Aspekt der Shoah des jüdischen Volk in dieser Gedenkstätte andere Aspekte der Mordherrschaft der Nazis völlig verdeckt und beiseite schiebt, bzw. nicht vorkommen lässt – z.B. die Vernichtung der Behinderten, der Schwulen, der politischen Gegner der Nazis, der Sinti und Roma u.a. Tief beeindruckend ist die Erzählweise von dem Zeitzeugen Schlomo Wolkowicz. Er bringt seine schrecklichen Erfahrungen in Ostpolen/heute Ukraine während der Holocaustzeit nahe liegend herüber. Als wir am Hotel aussteigen stellen wir fest, dass die Handrollis von Uwe und mir nicht da sind. Sie stehen noch an der Gedenkstätte. Dank des Wachdienstes wurden sie von der Polizei nicht beschlagnahmt und gesprengt. Sie fürchteten, es könnte sich im Rollstuhl Sprengstoff befinden.
Für mich ist es ein großes Erlebnis die Orte, die in der Bibel vorkommen leibhaftig zu erleben. Tamar Landau führt uns durch Jerusalem. Die Begegnung mit ihr tut uns gut. Als Grabeskirche oder Kirche vom heiligen Grab wird die Kirche bezeichnet, die sich an der überlieferten Stelle der Kreuzigung und des Grabes Jesus befindet. Sie war wie immer übervoll. An einem Tag sind wir zum See Genezareth gefahren. Wir besuchen den Berg der Seligpreisungen. In der Kirche liest und singt Rudi die Bergpredigt. Vor Rührung bekomme ich Gänsehaut.
Unser Tag in Tel Aviv beginnt mit der Begegnung mit Mordechai Virshubksi, dem ehemaligen Behindertenbeauftragten der Stadt Tel Aviv. Er ist selbst behindert. Er legt die Probleme der Menschen mit Behinderung im Land offen dar. In den letzten 20 Jahren hat sich einiges getan, aber nicht zu seiner Zufriedenheit. Zur Barrierefreiheit in den Öffentlichen Gebäuden wurde viel getan. Davon konnten wir uns während der 10 Tage überzeugen. Ich stelle fest, dass Bordsteine in größeren Ortschaften abgesenkt wurden. Was die Rollis-WCs betrifft, ist nicht jede Toilette optimal (zu eng). Ich habe gestaunt und ich möchte behaupten, dass sich dieser Stand der Barrierefreiheit sich an Deutschland nähert. Mit einer großen Gruppe von Rollis eine Stadtführung durch Tel Aviv zu machen ist sehr schwierig. Die Stadt ist zu laut. Besonders wurden uns die Bauhaussiedlungen ausführlich nahe gebracht.
Am Sonntag fahren wir durch die Wüste zum Toten Meer. Die Wüste ist begrünt. Das ist hier sehr selten. In den letzten Wochen hatte es geregnet. Rudi staunt. So grün hat er die Wüste noch nicht erlebt. Auf einem Berg machen wir Rast. Wir haben eine gute Aussicht auf die Wüste und aufs Tote Meer. Mich beeindruckt das riesige Gebirge und die sehr steilen Straßen. Wir fahren zur Badeanstalt am Toten Meer. Einige von uns gehen baden. Ich freue mich wie warm das Wasser ist. Wegen des hohen Salzgehalts des Wassers trägt Dich das Meer. Du gehst nicht unter. Wir halten uns auch am folgenden Tag in der Wüste auf. Unser Ziel ist die Stadt Mitzpe Ramon. Hier gibt es ein Informationszentrum über den Krater. Im Zentrum gibt es eine Aussichtsplattform über den Krater. Wir hatten eine sehr gute Aussicht. Auf den Rückweg fahren wir an die Stelle vom Krater, wo man die Erdschichten der Entstehung sehen kann. Das ist sehr beeindruckend.
Am letzten Tag können wir in Jerusalem an der Klagemauer die Bar-mitzwa – feiern erleben. Dreizehnjährige werden in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. Nun können sie in der Synagoge aus der Thora lesen. Sie haben nun alle Rechte und Pflichten. Ich hatte vor beginn der Reise Bedenken. Wie werde ich meinen ersten Flug überstehen? Werde ich das Klima dort verkraften? Mir war das straffe und umfangreiche Programm der Reise bekannt. Wird mir das zu viel werden? Bei dieser Reise hatte ich eine Gelassenheit. Ich fühlte mich bis zuletzt gut. Wir hatten einen Reisebus mit Hebebühne für die Rollis vor Ort. Unser Busfahrer Riad war uns sehr entgegenkommen. Fridericke hatte mit ihrem Elektrorollstuhl Pech. Ein Vorderrad war defekt. Eine Rehafirma ist nicht in der Nähe. Zuletzt ist der Reifen geplatzt. Der Busfahrer setzt alles dran, dass der Elektrorollstuhl bis zum Rückflug transportfähig ist. Er ist uns ein guter Freund geworden. Wenn 10 Rollifahrer in den Bus steigen müsste es erheblich lange dauern? Dank unseren BegleiterInnen sind alle schnell im Bus. Sie helfen die Rollis anzugurten. Die Hilfsbereitschaft untereinander verhilft zu einem harmonischen Klima. Die Unterkünfte waren von Dialog geprüft und organisiert worden: im Kibbutzhotel Nachscholim und in Newe Ilan bei Jerusalem. Wir sind von Dialog sehr verantwortungsbewusst und umsichtig begleitet und betreut worden. Die MitarbeiterInnen des Kibbutzhotels waren besonders freundlich und hilfsbereit. Dafür danken wir. Von dieser Reise werden die Teilnehmer noch lange zehren.
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